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Wer denkt in Berlin an pflegebedürftige Kinder und Jugendliche?!
von Claudia Groth 09.05.2010 | 21:21
Wird über das Thema Pflegebedürftigkeit gesprochen, assoziieren die meisten Leute in der Regel damit alte Menschen. Begriffe wie „demografischer "Wandel“, „Alterspyramide“, „Demenz“, „Altenpflege“, „Pflegeheim“ werden schnell in einen Zusammenhang mit „Pflege“ und „Pflegeversicherung“ gebracht. Im Kopf entsteht das Bild vom dementen Mütterchen, wohlmöglich noch von dem Mann in der zweiten Lebenshälfte, nach einem Hirnschlag oder Unfall halbseitig gelähmt. Beide nicht mehr in der Lage, selbständig einen Haushalt zu führen und damit sich selbst zu versorgen.

Aber Kinder?
Behinderte oder sterbenskranke Kinder, gut — die kann es in unserer Gesellschaft schon einmal geben. Aber pflegebedürftige Kinder? Wie hat man sich das vorzustellen? Ein sechsjähriges süßes kleines Mädchen mit einem Rollator? Ein elfjähriger hübscher Junge in einem Pflegebett? Ja, genau so hat man sich das vorzustellen. Es gibt diese Kinder! Aufgrund einer angeborenen, meist genetisch bedingten Erkrankung, eines Geburtsfehlers oder eines Unfalls sind 2 % aller Menschen mit einer Pflegestufe in Berlin Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 15 Jahren*. 99,6 % dieser Kinder und Jugendlichen werden zu Hause in ihren Familien gepflegt.

2 %, das sind bei 95.870 Menschen in Berlin, die pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes (SGB XI) sind, 1.927! Jugendliche über 15 Jahren sind in dieser Zahl noch nicht einmal enthalten. Sie sind dem statistischen Landesamt wohl keine selbständige Betrachtung wert ...

Pflegebedürftigkeit betrifft nicht nur den Pflegebedürftigen selbst, sondern beeinflusst das Leben aller mit der Pflege befassten Personen, bei Kindern und Jugendlichen vornehmlich die nahen Familienangehörigen. Die durchschnittliche Dauer der Pflege eines erwachsenen Pflegebedürftigen beträgt acht bis neun Jahre. Bei Familien mit pflegebedürftigen Kindern ist der Zeitraum in der Regel noch länger, da die meisten Kinder und Jugendlichen bereits seit dem Säuglings- oder frühen Kindesalter pflegebedürftig sind. Eine lange Lebensphase ist damit für Kind und Familie geprägt von „Pflege“.

In Anbetracht der genannten Zahlen und der langen Pflegephase bei pflegebedürftigen Kindern verwundert es um so mehr, wie wenig Hilfs- und Informationsangebote es für pflegende Eltern gibt. Eine bundesweite Umfrage des Kindernetzwerkes aus dem Jahr 2007 (Schmid; Kreutz 2007) belegt, dass sich nur knapp 40 % aller befragten Eltern ausreichend zur Pflegeversicherung informiert fühlen. Noch nachdenklicher stimmt das Ergebnis bei der Frage nach einem ausreichenden Informationsangebot zu Entlastungsmöglichkeiten: nur knapp 29 % der Eltern wissen um ihre Ansprüche, sich kurzzeitig oder stundenweise von der Pflege erholen zu können. Diese Ergebnisse wurden für Berlin durch eine Befragung von MenschenKind aus dem Jahr 2009 zur Situation von Familien mit schwerkranken Kindern bestätigt (  Link ).

Und die wenigen Eltern, die informiert sind und eine Auszeit nehmen wollen oder müssen, müssen feststellen, dass es keine passenden Angebote für pflegebedürftige Kinder und Jugendliche gibt. Für Berlin stehen rund 40 Kurzzeitpflegeplätze (eigene Ermittlungen) zur Verfügung, die sich die Kinder und Jugendlichen jedoch überwiegend mit erwachsenen Pflegebedürftigen teilen müssen. Die individuellen Entlastungsmöglichkeiten hängen demnach von den Einrichtungen und ihrem Willen, gezielt Angebote für pflegebedürftige Kinder und Jugendliche vorzuhalten, und den persönlichen Resourcen der Eltern an Zeit, Informiertheit und Durchsetzungsvermögen ab.

Die Statistik bestätigt u.a.: nicht eines dieser Kinder hat im Jahre 2007 die Kurzzeitpflege in Anspruch genommen.

Die tägliche Arbeit pflegender Angehöriger entlastet die Solidargemeinschaft um große Summen. Wenn man in Betracht zieht, dass ein Platz in einem Pflegeheim im Monat um die dreieinhalbtausend Euro kostet, ein Pflegebedürftiger, der zu Hause gepflegt wird, mit Pflegestufe II jedoch ein Pflegegeld von „nur“ 430 Euro erhält, kommt man ins Grübeln. Auch wenn die Pflegeperson darüber hinaus rentenversichert ist, ergibt das immer noch einen satten Schnitt für die Gemeinschaft. Da wirkt die Aussage vieler Einrichtungen, reine kindgerechte Angebote würden sich nicht rechnen, schon recht zynisch. Und auch der Berliner Senat behauptet allen Ernstes, es gäbe ausreichend Kurzzeitpflege, weist in seinen öffentlich zugänglichen Informationen jedoch nicht einmal explizit Plätze für Kinder aus. Das haben die betroffenen Familien nicht verdient!

Für Berlin wünsche ich mir daher dringend bessere Informationsangebote und kurzzeitige stationäre Entlastungsmöglichkeiten für Familien mit pflegebedürftigen Kindern. Ich setze sehr viel Hoffnung in die Pflegestützpunkte, die öffentlich finanziert werden und werde kritisch verfolgen, ob sie auch Familien mit pflegebedürftigen Kindern ein Lotse im Pflegedschungel sein wollen und können. Schließlich nannten sie sich noch bis vor Kurzem „Koordinierungsstellen rund ums Alter“. Mit welcher Erwartung dürfen Eltern dort vorsprechen …? Dem Projekt MenschenKind (www.menschenkind-berlin.de ) des Humanistischen Verbandes wünsche ich viel Erfolg und hoffe, dass die Erkenntnisse seiner Arbeit auch in die Praxis umgesetzt werden.

* Statistischer Bericht K VIII 1 - 2j / 07, Ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen sowie Empfänger von Pflegegeldleistungen in Berlin, 2007




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